Von Kansas City nach San Francisco

Auch schon mal davon geträumt, auf einem schweren Motorrad über einsame Highways zu fahren? Zwischen zwei anstrengenden Semestern an der University of Missouri, Kansas City, haben wir uns diesen Wunsch, wenn auch auf kleineren Motorrädern, erfüllt. Der folgende Bericht ist Ausschnitt einer insgesamt vierwöchigen Motorradreise von Kansas City, MO, nach San Francisco und zurück (ca. 10.000 km) und konzentriert sich auf die “andere Seite” Kaliforniens. Denn wer denkt bei Kalifornien, geprägt durch unzählige TV-Serien, nicht an Sommer, Sonne, Strand und leicht bekleidete Schönheiten. Dabei hat Kalifornien neben diesen Attraktionen viel mehr zu bieten: Wüsten, schneebedeckte Pässe, den tiefsten Punkt der USA (84 unter NN) und nur 150 km Luftlinie entfernt einen der höchsten Berge (Mt. Whitney 14.494 Ft).

Startpunkt unserer Tour ins Traumland aller Schauspieler, Surfer und Weintrinker ist Las Vegas, Nevada. Die Stadt ist flugtechnisch gut zu erreichen und auch sonst touristisch hervorragend erschlossen (hier stehen die größten Hotels der Welt). Städte wie Las Vegas, Denver, Salt Lake City etc. bieten sich an, um eine Tour durch den Westen der USA zu beginnen. Gebrauchte Motorräder sind hier z.B. wesentlich günstiger zu haben als in Kalifornien. Wer in Las Vegas, dem Spielerparadies schlechthin, das erste Mal Bekanntschaft mit den USA schließt, wird feststellen, daß das Fernsehen nicht lügt. In diesem Disneyland für Erwachsene werden so ziemlich alle Vergnügungswünsche war. Das Angebot reicht von 24 Stunden Glücksspiel, Schnellehe und -scheidung bis hin zu Ritterspielen und Helikopterflügen zum Grand Canyon. Auch wer nicht zu den Spielernaturen gehört, sollte sich ein Kasino, vor allem eines der größeren, von innen anschauen. Für den allzeit geldknappen Studenten bieten sie die Möglichkeit, sich noch einmal richtig satt zu essen. Ein Frühstück für $2.99, Hot Dog und Bier für 49 Cent, sind hier durchaus zu haben.

Gut gestärkt und ausgerüstet geht es auf Highway Nr. 95 nördlich dem Death Valley entgegen. Man beachte links und rechts der Straße den gelegentlichen Hinweis auf ein Staatsgefängnis oder militärisches Testgelände. In Amargosa Valley nehmen wir die letzte Gelegenheit zum Auffrischen der Reisekasse an einem einarmigen Banditen in der Tankstelle war und wenden uns dem Tal des Todes zu. Das Visitor Center am Furnace Creek gibt Aufschluß über die nicht immer auf den ersten Blick zu erkennenden Schönheiten dieses ausgetrockneten Salzsees. Im Sommer sollten alle körperlichen Aktivitäten auf ein notwendiges Minimum eingeschränkt werden. Bei annehmbaren Temperaturen ist ein Fußmarsch zu einer der reichlich vorhandenen alten Goldminen (z.B. Keane Wonder Mine mit Blick über das Tal) zu empfehlen. Wir verlassen Death Valley über die 267 und kommen so noch an Scotty’s Castle, dem schloßartigen Anwesen eines spleenigen Cowboy’s und Goldsuchers, vorbei. Immer auf der Suche nach einsamen Straßen geht es auf der 266 westwärts. Den Hinweis, auf den nächsten 100 Meilen würde es kein Benzin geben, ignorieren wir angesichts einer Reichweite von ca. 120 Meilen und einem Reservekanister. Es stellt sich zusätzlich heraus, daß der Ort Oasis nicht umsonst so heißt. Angelockt vom Namen machen wir einen Abstecher nach Goldpoint, einer fast verlassenen Goldminenstadt. Der Umweg lohnt sich schon wegen der eigensinnigen Bewohner, die ohne Anschluß an eine Wasserversorgung stolz darauf sind, mitten in der Wüste zu leben und im Winter Touristen mittels schweren Gerätes aus dem Schnee zu befreien. Nach Überquerung der Gebirgszüge, die fast jeden Niederschlag vom Tal des Todes fernhalten, wandeln sich Landschaft und Vegetation schlagartig. Die aus jedem Karl May Roman bekannte Sierra Nevada eignet sich hervorragend, um an einem der zahlreichen Seen zu zelten. Weiter geht es in Richtung Norden. Am Mono Lake wartet das nächste Naturspektakel auf uns. In der Hitze des Mono Valleys verdampft das zufließende Wasser, so daß das Ufer des Sees mit unzähligen Salzstrukturen (und Fliegen!) übersät ist.

Lohnenswert ist, wenn man noch nicht genug von Geisterstädten hat, ein Abstecher nach Bodie. Bodie war im 19. Jahrhundert eine blühende Goldgräberstadt und mit seinen insgesamt 65 Saloons die schießwütigste Boom Town im Wilden Westen. Aus der Ferne wirkt Bodie, heute State Park, wie eine hölzerne Spielzeugstadt in einer kargen Mondlandschaft. Aus der Nähe erwartet man, daß die Geister wieder zu Leben erwachen und den Besucher in eine Schießerei verwickeln oder wenigstens zu einem Drink einladen. Bevor es zurück zum Mono Lake und dann weiter über den Tioga Paß zum Yosemite National Park geht, erweisen wir den Revolverhelden, Glücksrittern und ehrlichen Bürgern Bodies die letzte Ehre auf dem etwas abseits gelegenen Friedhof.

Der Tioga Paß (3.000 m) ist oft nur von Juni bis Oktober befahrbar. Der serpertinenreiche Weg dorthin führt an zahlreichen schön gelegenen Campingplätzen vorbei. Den Yosemite National Park, erster State Park der USA und einer der attraktivsten Landschaftsparks Nordamerikas, wurde einst von Gletschern und heute von zahlreichen Besuchern geprägt. Man erschließt die wunderschöne Natur am besten auf einer Wanderung. Der Park bietet für jeden Schwierigkeitsgrad etwas. Einen guten Blick über das Yosemite Valley erhält man nach dem Aufstieg zu den Upper Yosemite Falls, von wo sich das Wasser 740 Meter in die Tiefe stürzt. Einige der zahlreichen Wasserfälle des Parks sind allerdings im Sommer trocken.

Empfehlenswert ist auch die Besichtigung des Ahwahnee Hotels. Erbaut aus Natursteinen und riesigen Baumstämmen, paßt es sich hervorragend der grandiosen Natur an. Allein in diesem Nationalpark könnte man mehrere Wochen verbringen. Uns jedoch zieht es weiter westwärts. Bis zur Pazifikküste ist die Landschaft weit weniger aufregend, und die Besiedlungsdichte nimmt spürbar zu. Dafür entschädigt die Fahrt auf dem Highway Nr. 1 direkt an der Küste, dem wir von Santa Cruz bis nach San Francisco (und später bis nach Oregon) folgen.

San Francisco (nur Ausländer sagen übrigens Frisco; wer amerikanisch wirken will, sollte sich mit Sän Frän anfreunden) gehört zu den ältesten Städten der USA und wirkt vergleichsweise europäisch. Dennoch wurde auch hier das schachbrettartige Muster der Straßenführung über alle Hügel hinweg beibehalten. Dies erleichtert die Orientierung ungemein und führt zu den bekannten steilen Straßen. Alle Sehenswürdigkeiten der Stadt aufzuzählen würde den Umfang dieses Berichtes sprengen. Sinnvoll ist es, sich einen Tagespaß für das Cable Car (straßenbahnähnliches Fortbewegungsmittel, wird durch ein in der Straße laufendes Kabel angetrieben) zuzulegen und damit das Stadtzentrum zu erkunden. Dabei nicht den Fehler begehen, an den Endhaltestellen stundenlang zu warten. Man wird an fast jeder Straßenecke mitgenommen. Zur Orientierung in der Stadt sind die kostenlos erhältlichen City Guides hilfreich. Diese und die an Tankstellen erhältliche Coupon Books geben zus,tzlich Auskunft über günstige Übernachtungsmöglichkeiten in der sonst verhältnismäßig teuren Metropole. Durch die Stadt führt der ausgeschilderte, 49 Meilen lange Scenic Drive, dem man zumindest teilweise folgen sollte. Ein Abstecher zur Golden Gate Bridge darf dabei natürlich nicht fehlen. Es bietet sich an, falls die Reise weiter nördlich führt, die Stadt über die Golden Gate Bridge zu verlassen (man spart sich die sonst fällige Mautgebühr bei der Rückkehr in die Stadt). Eine wahre Freude auch für (noch) Nicht-Weintrinker sind das ca. 50 km nördlich gelegene Napa Valley und die angrenzenden Gebiete. Es gibt wohl weltweit keine Gegend, in der auf so engem Raum so viele verschiedene Weinkellereien zur Probe einladen. Ein Tag hier beseitigt die Vorstellung, es gäbe nur weiße und rote Weine.

Für uns war die Reise damit noch lange nicht zu Ende. Das nächste Semester nahte, und wir hatten noch die ganze Rückfahrt vor uns. Eigentlich sind all die Eindrücke und Erlebnisse dieser und weiterer Reisen durch “the greatest country on earth” nur schwer zu beschreiben. Wir können nur jedem empfehlen, diese Erfahrungen selbst zu machen. Auch bei wieder steigendem Dollarkurs kann man in den USA relativ preiswert reisen. Zur Planung können die Reiseführer USA/CANADA von H.-R. Grundmann (ISBN 3-927554-12-X) und “Durch den Westen der USA” vom selben Autor (ISBN 3-927554-02-2) nur empfohlen werden. Straßenkarten sollte man sich nicht in Deutschland zulegen. Beim AAA (Triple A, das Gegenstück zum ADAC, nicht mit dem Akademischen Auslandsamt verwechseln) gibt es gegen Vorlage der ADAC Karte kostenlos Karten und sonstiges Material in ausgezeichneter Qualität. Darin sind Straßen durch besonders schöne Gegenden als Scenic Byways markiert. Man sollte sich grobe Ziel (nicht zu viele) setzten und wenn irgendwie möglich diese auf den Scenic Byways ansteuern. Wir planen jedenfalls so schon unsere nächste USA-Reise.