Der See Mývatn (Mückensee)

Als erstes fahren wir den örtlichen Campingplatz an und schlagen unsere Zelte auf. Der Platz liegt zwischen den Ausläufern eines alten Lavastroms der im 18ten Jahrhundert die alte Ortschaft Reykjalid überflutete. Wie eine schwarze, verschrumpelte und aufgeplatzte Zunge liegt das nur sehr wenig bewachsene Gestein auf der Ebene vor dem See. Auf Landseite sind an den Hügel mehrere Terrassen angelegt auf denen man Zelten kann und man hat einen guten Blick auf den See. Oberhalb des Platzes ist der Flughafen der kleinen Stadt und die Flugzeuge starten und landen direkt ueber die Zelte hinweg. Es ist noch relativ früh am Abend und so beschliessen wir, nachdem die Zelte stehen, noch eine Runde um den See zu fahren. Wir beginnen an der nördlichen Seite und fahren über kleine Schotterpisten Richtung Westen, wo die sogenannten Pseudokrater zu finden sind. Diese “unechten” Vulkankrater sind nicht direkt durch Lavaausbrüche entstanden sondern durch explodierende Wasserdampfblasen die den darueberliegenden Erdboden zu kleinen Hügel, mit einer kraterähnlichen Senke in der Mitte, aufgeworfen haben. Diese Pseudokrater, die sich teilweise auch mitten aus dem See erheben, sind von dichtem Gras bewachsen und sehen somit aus wie kleine grüne Vulkane.
Im Süden des Sees führt die Strasse ebenfalls durch ein Lavafeld, dass sich vor dem mächtigen Krater des Hverfell erstreckt. Der Hverfell ist einer der jüngsten Vulkane des Gebiets und wird aus einem reinem Schuttkegel aus Asche gebildet. In diesem Lavafeld sind Wanderwege angelegt und auch den Hverfell kann man besteigen. Für uns ist es zu dem Zeitpunkt allerdings schon zu späht und wir verschieben den Besuch auf einen ungewissen Zeitpunkt.

Der Dettifoss, der grösste Wasserfall Europas
Nach unserer ersten Nacht auf Island erwartet uns der nächste Tag mit strahlendem Sonnenschein. An diesem Tag wollen wir uns den grössten Wasserfall Europas, den Dettifoss, ansehen. Es gibt zwei Wege zu diesem Wasserfall und zwar eine die östlich und eine die westlich an dem Fluss Joekulsa A Fjoellum entlangführt. Der Joekulsa A Fjoellum wird vom Vatnajoekull gespeist, der wiederum der grösste Gletscher Europas ist. Die östliche Strecke ist die von den meisten Touristen befahrene Strecke. Die westliche gilt als die Schwierigere. Wegen des guten Wetters und weil wir fuer die geplante Hochlandfahrt noch etwas Erfahrungen sammeln wollen entscheiden wir uns fuer die westliche Variante.
Zuerst geht die Fahrt auf der Ringstrasse zurück bis wir etwa die Hälfte der Strecke bis Grimstunga erreicht haben, dort biegen wir dann Richtung Norden ab. Die Piste wird deutlich schlechter als die Ringstrasse. Wir schliessen Bekanntschaft mit der üblen Schüttelei des Waschbrettes und die herumliegenden Steinbrocken werden auch immer groesser. Schnell lernen wir die bekannten Sprüche in die Tat umsetzen:
Auf dem Waschbrett muss man ganz langsam fahren oder ganz schnell!
Anfangs mit etwas Angst, dann immer gelassener nehmen wir es hin, dass das Vorderrad immer wieder nach links und rechts verspringt. Verkrampfen ist gefährlich und führt schnell zum Ermüden. Man muss der Lenkung freie Hand lassen und sozusagen mit etwas Überredungskunst nur die grobe Richtung vorgeben. Nach ca. 25 Kilometern erreichen wir doch etwas geschafft von unserer ersten Lektion den Parkplatz am Dettifoss. Von hier aus ist es noch ein Fussmarsch von etwa 20 Minuten zum Rand des Wasserfalls. Der Weg führt zwischen grossen hellgrauen Steinbrocken hindurch, die von schwarzem feinen Sand umgeben sind. Es ist das ehemalige Flußbett des Joekulls A Fjoellum, der sich heute tiefer in die alten Lavaschichten gegraben hat. Zum Fall selber müssen wir denn auch ein Stück hinabsteigen, bevor er direkt vor uns mit der ungeheuren Wucht seiner Wassermassen in die Tiefe stürzt. Ein grosses Spektrum von Grautönen breitet sich vor uns aus. Hellgrau sind die Gesteinsschichten die der Fluss durchbrochen hat. Dunkelgrau bis Schwarz der feine Sand dazwischen und Silbergrau die Gischt und die Strudel des von Gesteinsmehl angereicherten Wassers. Nur an den Steilwänden links und rechts vom Wasserfall erstreckt sich das dunkle Grün von Farnen und Moosen. Eine Zeitlang lassen wir dieses Szenario auf uns wirken, versuchen das eine oder andere gute Foto zu schiessen. Schliesslich wandern wir noch zur kleineren, oberen Stufe des Falls bevor wir zum Parkplatz zurückkehren, von wo wir weiter Richtung Norden fahren.
Die Landschaft wird grüner je näher wir dem Meer kommen, wo die hoehere Feuchtigkeit mehr Pflanzen wachsen lässt. Aber auch hier ist das was wie eine Buschlandschaft aussieht in Wirklichkeit eine Fläche von bewachsenen Lavabrocken. Wir wollen die Halbinsel Tjörnes umrunden bevor wir zurück zum Myvatn fahren. Doch das islaendische Wetter zeigt uns seinen wechselhaften Charakter. Es beginnt zu regnen und starker Wind kommt auf. Von der Steilküste und dem Meer bekommen wir so nicht viel mit. Zu sehr sind wir damit beschäftigt bei schlechter Sicht und Seitenwind unsere Motorräder auf der nun sehr schmierigen Piste zu halten. So erreichen wir ueber Husavik wieder unseren Campingplatz in Reykjalid, wo wir den Rest des Tages notgedrungen in den Zelten verbringen.